Frühjahrstagung Programm 2010

Theaterkunst und kulturelle Bildung

20 Jahre BuT – Jubiläumstagung in Köln
23.–25. April 2010

Die zeitgenössische Theaterpraxis hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert – der Theaterbegriff hat sich damit einhergehend erweitert. So relativiert sich in vielen Theateransätzen ab den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts die zentrale Position des Schauspielers sowie der durch ihn verkörperten Rolle. Neben das szenische Spiel – verstanden als Verweis auf eine andere Wirklichkeit – treten Formen, die das Hier und Jetzt der Aufführungssituation betonen. Begriffe wie Situation, Materialität, Raum, Aktion machen dabei kenntlich, dass die dem Medium Theater innewohnende performative Funktion an Bedeutung gewinnt. Neben dem epischen und dramatischen Theater hat sich ein Theateransatz etabliert, der sich anderer Strategien und Praktiken bedient als ein Theater, das sich über die zentrale Position des Schauspielers in als-ob-Welten definiert.

Theaterpädagogik als künstlerische Praxis zu begreifen, ist sicherlich nicht neu. Was aber bedeutet die beschriebene Ver änderung, welche Relevanz bergen dramatische wie postdramatische Ansätze zeitgenössischer Theaterkunst für die theaterpädagogische Praxis und wie vermittelt sich ein künstlerischer Anspruch in der konkreten Arbeit mit jeweiligen Zielgruppen? Welches Spannungsverhältnis besteht zwischen Theaterkunst und Kultureller Bildung, wenn Kunst aufstören möchte, wo Kulturelle Bildung stärken und aufbauen will?

Das Workshop-Programm möchte Gelegenheit geben, exemplarisch einzelne künstlerische Strategien von Theaterarbeit zu reflektieren und praktisch für die eigene Arbeit auszuloten. Ziel der Tagung ist es, das eigene theaterpädagogische Handeln mit der zeitgenössischen Theaterpraxis abzugleichen und produktiv in Frage stellen zu lassen.

Die Tagung ist gleichzeitig Jubiläumsveranstaltung zum 20jährigen Bestehen des BuT, der im März 1990 als Nachfolgeorganisation Bundesverbandes Spiel, Theater, Animation (BUSTA) von annähernd 60 Gründungsmitgliedern aus unterschiedlichen theaterpädagogischen Arbeitsfeldern gegründet wurde. Ziel war es, einen schlagkräftigen Fachverband für eine noch sehr junge Disziplin zu gründen. Zentrale Ziele des Beginns stehen auch heute noch im Zentrum: die Förderung der Theaterpädagogik als eigenständigem Bereich der kulturellen Bildung und die ständige Professionalisierung in Ausbildung, Lehre und Praxis. Der Verband zählt heute 710 Mitglieder. Ohne Übertreibung und Selbstbeweihräucherung kann heute gesagt werden:

  • Der Bunderverband hat inzwischen einen anerkannten Status in der deutschen kulturellen Bildungslandschaft,
  • er ist Teil eines produktiven Netzwerkes,
  • er gestaltet mit und setzt Maßstäbe.

Wenn das kein Grund zum Feiern ist …!

Die Tagung wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und durch die Stadt Köln

Tagungsort

Die Frühjahrsfachtagung 2010 findet vom 23. - 25. April 2010 in Köln statt
- im Zirkus- und Artistikzentrum des TPZ Köln

Anreise

Theaterpädagogisches Zentrum Köln e.V. /Zirkus- und Artistikzentrum Köln
An der Schanz 6, 50735 Köln, Telefon 0221-7021678
Sie erreichen uns mit dem Auto über die Autobahnen A1 und A3 sowie mit den
Straßenbahnen der Linie 18, Haltestelle Boltensternstraße.

 

Frühjahrstagung 2010

P R O G R A M M

FREITAG, 23.04.2010

    • ab 13.30 Check-in für Mitglieder
    • 14.00 Mitgliederversammlung
    • 16.00 Kaffeepause/Check-in der Nicht-Mitglieder
    • 16.30 Eröffnung/Grußwort des Kölner Oberbürgermeisters Jürgen Roters (angefragt) und andere
    • 17.15 Diskurs: Theaterkunst und Kulturelle Bildung
      Gerd Taube, 1. Vorsitzender der Bundesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung, Gesprächsleitung
      Dr. Klaus Pierwoß, Dramaturg, ehemaliger Intendant u.a. des Bremer Theaters
      Prof. Dr. Bernd Ruping, Studiendekan des Fachbereichs Darstellende Kommunikation und Theaterpädagogik an der Fachhochschule Osnabrück

    • 18.45 Abendessen
    • 20.00 Gastspiel
      Dass die Nacht dem Tag folgt – Teatro 4Garoupas, Köln
      anschließend: offener Ausklang

SAMSTAG, 24.04.2010

    • 9.00 Aufteilung der Workshopgruppen
    • 9.15 Workshops, 1. Einheit
    • 12.00 Mittagessen
    • 13.30 Workshops, 2. Einheit
    • 16.30 Kaffeepause
    • 17.00 Markt der Möglichkeiten
    • Parallel laufende Präsentationen und Berichte
    • 19.00 Büffet
    • 20.30 Fest »There: BuT for fortune«

SONNTAG, 25.04.2010

    • 9.45 Auswertung
      »Vom Wert der Theaterkunst für die Kulturelle Bildung« in zwei parallel arbeitenden Gruppen:
      - Methode Raumlauf-Labor: Matthias Winter u.a.,
      - Methode World-Café: Raimund Finke u.a.
    • 11.45 Kaffeepause
    • 12.15 Begegnung der Untergruppen
    • 12.45 Fazit-Blitzlichter
    • 13.00 Ende der Tagung

 

G A S T S P I E L

DASS DIE NACHT DEM TAG FOLGT – TEATRO 4GAROUPAS

»That Night follows Day/Dass die Nacht dem Tag folgt« von Tim Etchells ist eine Konfrontation mit dem, was Eltern als Erziehung und Fürsorge definieren. 16 Kinder im Alter von 11 bis 14 Jahren, alle schauspielerfahren und bereit, die ersten Schritte in die Professionalität zu wagen, entwickelten in der Inszenierung von Arno Kleinofen und Bebé de Soares eine professionelle Theaterproduktion für ein erwachsenes Publikum: Kinder, die die Erwachsenen zum Nachdenken über sich und ihre Haltung zum Kind provozieren. Das Stück geht damit einen höchst interessanten, nämlich den umgekehrten Weg eines »Kindertheaters«.

Das Teatro 4Garoupas steht für ein Theater für Kinder- und Jugendliche, das keine Konzession an Standards und Konventionen macht und sich immer aufs Neue auf das Wagnis einlässt, Kunst für Kinder und Jugendliche zu realisieren und unbekannte Gefilde zu betreten.

 

M A R K T   D E R   M Ö G L I C H K E I T E N

    • Simon the lonely Stranger – Musical von Gehörlosen und Hörenden
      Evangelische Kirche Hessen-Nassau, Uwe Hausy
    • Winterakademie – Kunstprojekt von Künstlern verschiedener Genres mit Kindern und Jugendlichen
      Theater an der Parkaue Berlin, Kristina Stang
    • Pottfiction-Projekt – Kooperation von 7 Kinder- und Jugendtheatern des Ruhrgebiets
      Kulturhauptstadt Ruhr 2010, Nicole Schillinger
    • Brüder Karamasov/Amerika – generationsübergreifende Projekte
      Jugendtheaterwerkstatt Spandau, Rudi Keiler Gomez de Mello,Fred Pommerehn
    • Zwischenland – Seniorentheater
      Junges Ensemble Stuttgart, Uschi Famers
    • 20 Jahre Fall der Berliner Mauer – Erzähltheater mit Schulklassen
      ARTefix Homburg/Saar, Carola Stahl/Thomas Schiffmacher

 

W O R K S H O P S

RECHERCHE. TRANSFORMATION VON LEBENSWIRKLICHKEITEN
BARBARA MEYER, BERLIN

In vielen Kunstprojekten sind Recherchearbeiten zentrale Grundlagen der künstlerischen performativen Praxis. Im Workshop geht es darum, Projekte kennen zu lernen, die einen experimentellen Umgang mit dem Format »Recherche« und den recherchierten Materialien erprobt haben und gleichzeitig Ideen für eigene Recherche-Projekte zu entwickeln. Dabei geht es u. a. um die Fragen: In welcher künstlerischen Tradition stehen Rechercheprojekte und welches Kunstverständnis kann ihnen zugrunde liegen? Wie kann ein Recherche-Projekt als kollektiver Prozess gestaltet werden?

Barbara Meyer ist künstlerische Leiterin des Jugend- und Kulturzentrums Schlesische27 in Berlin-Kreuzberg. – www.schlesische27.de

AUTHENTIZITÄT. DIE ECHTHEIT EIGENEN SEINS UND TUNS
ANGIE HIESL, KÖLN

Körperpräsenz und Raumpräsenz sind Bedingungen für die Entwicklung einer Bewusstheit für den Moment. Nur aus der sensiblen Wahrnehmung des Moments heraus entsteht ein authentisches Beziehungsgeflecht aus Ort – Raum – Objekt – Körper – Aktion, wird ein Handeln möglich mit dem, was ich bin und als Person, die ich bin. Ohne die Absicht, eine Rolle spielen zu wollen, entwickelt sich »reines Tun«, entstehen Bilder, Relationen, Situationen – einfach und gleichwohl beeindruckend. Wenn Performances aber die Wiederholbarmachung von Aktionen und Situationen verfolgen, erhebt sich die Frage, wie ein Moment erinnert und aktualisiert werden kann. Der Workshop findet zeitweise im öffentlichen Raum statt.

Angie Hiesl ist Regisseurin, Choreografin, Performance- und Installationskünstlerin. Ihre Aktions-Installationen sind sinnliche Provokationen im Grenzbereich von Darstellender und Bildender Kunst. – www.angiehiesl.de

VERDICHTUNG. KONZENTRATION IN INSZENIERUNGSPROZESSEN
KATJA FILLMANN, BERLIN

In der Physik bezeichnet der Begriff der Verdichtung Formumwandlungsprozesse, in deren Verlauf Volumina ab-, Dichtegrade hingegen zunehmen. Auch in darstellerischen Kontexten findet eine inhaltliche und formale Verdichtung statt. Es wird zugespitzt, ausgewählt, verworfen und neu erfunden, es wird montiert und fokussiert. Welche handwerklichen Mittel stehen zur Verfügung, um eine Verdichtung zu erreichen? Anhand von Beispielen und eigenen praktischen Übungen wollen wir an diesem Tag über Verdichtung praktisch reflektieren.

Katja Fillmann ist freie Regisseurin, Performerin und Theaterdozentin und lebt in Berlin. Sie entwickelt eigene Projekte und inszeniert fremde Theatertexte an diversen Theatern, u.a. für das DT Goettingen ein das DT Berlin.

VERFREMDUNG. DER GESTUS DES ZEIGENS
EVA RENVERT, LINGEN

Mit dem Begriff der Verfremdung beschrieb Brecht die Möglichkeit für das Publikum, das Vertraute fremd werden zu lassen. Was uns alltäglich als Normalität umgibt und daher nicht hinterfragt wird, wird auf der Bühne merkwürdig. Brechts Fokus lag auf der Betrachtung und Analyse sozialer Strukturen und Beziehungen. Die Konsequenz für die Bühne heißt: Wahrnehmungsverschiebung; die Frage ist, wie lässt sie sich herstellen: Wie kann man Verfremdung, Rollendistanz, Zeichenhaftigkeit und Zeigegestus für die Arbeit mit nicht-professionellen Darstellern fruchtbar machen?

Eva Renvert ist Diplom-Pädagogin und Diplom-Theaterpädagogin, Leiterin des Forschungsprojekts »Schauplatz UnternehmensKultur«, Dozentin an der Fachhochschule Osnabrück. – www.schauplatz-unternehmenskultur.de

PERFORMATIVE ZEIT. IMPULSEN EINE STRUKTUR GEBEN
NOAH HOLTWIESCHE, WIEN

Wie lassen sich einzelne Aktionselemente und anderes performatives Material organisieren, wenn nicht durch Rolle, Erzählung und Fiktion? Wie ist eine andere Zeit und Zeiterfahrung möglich? Diese Fragen möchte ich zusammen mit den TeilnehmerInnen im Workshop durch Fokussierung auf die performative Gestaltung der Dimension der Zeit ausloten. Im Vordergrund stehen die Akteure und ihre Beziehung zu den anderen Elementen des szenischen Ganzen: Wie können sie die Weisen modulieren, in denen sie Aktionen initiieren, Wiederholungen erzeugen, Koinzidenzen geschehen lassen und Plötzlichkeiten setzen?

Noah Holtwiesche lebt in Wien und arbeitet in den Bereichen Theaterregie, Performance Kunst und performance studies; zahlreiche Inszenierungen und Performances, u. a. mit der bremer shakespeare company und der Performancegruppe Drei Wolken – www.dreiwolken.de

RAUM. BÜHNE UND BILD – FRED POMMEREHN, BERLIN

Der Begriff »Raum« meint mehr als das, was man unter Bühne der Bühnenbild versteht. Ein Raum umfasst Bühnen- und Zuschauerraum und alle Anwesenden, die sich in ihm zu einem gegebenen Zeitpunkt aufhalten. Ein Raum zeigt sich in den sinnlichen Qualitäten, die er hat, und wird als solcher erfahrbar. Wer mit dem Raum arbeitet muss versuchen, Bilder in und mit ihm zu ermöglichen, die zugleich eine sinnliche Übersetzung von Inhalten sind. Der Workshop geht der Frage nach, wie in einem Raum eine Bühne als sinnliches Bild entsteht, das vielfältig lesbar ist und zu einem »Mitspieler« wird.

Fred Pommerehn ist freiberuflicher Installationskünstler und in den Sparten Theater, Tanz, Performance und zeitgenössisches Musiktheater aktiv. Seine Arbeit führte ihn durch weite Teile Europas, nach Asien und nach Nordamerika. – www.fredpommerehn.com