Aufruf für die Zeitschrift für Theaterpädagogik - Korrespondenzen, Heft 77

Gesellschaftliche Herausforderungen – theaterpädagogische Arbeitshaltungen

Für die kommende Ausgabe der Zeitschrift für Theaterpädagogik laden wir ein, Beiträge einzureichen, die sich in theaterpädagogischer Perspektive mit dem Verhältnis von Gesellschaft und Theater befassen. Damit ist ein weiter Horizont gespannt, der  auf die Befragung von und die Orientierungssuche nach Maßstäben, Aufmerksamkeitsrichtungen und Prioritäten einer Theaterpädagogik im gesellschaftlichen Wandel abzielt.

Ein Herauszoomen und Befragen des theaterpädagogischen Selbstverständnisses macht regelmäßig Sinn in einer sich vielfältig ausdifferenzierenden und sich weiterentwickelnden Gesellschaft und vor allem aktuell in einer Zeit, in der sich auch Theateransätze, -formate und –felder erweitern, die Kartografie der Theaterlandschaft von und mit Nicht-Professionellen Darsteller*innen sich verändert, Partizipation und Demokratieförderung als Perspektiven Kultureller Bildung in den Vordergrund gerückt werden und vor allem: in der sich spürbar soziale Herausforderungen konturieren, Lebensgrundlagen und -bedingungen vieler Menschen faktisch und notwendiger Weise vermehrt zu befragen sind, öffentliche Diskurse sich verschärfen etc.

Zudem verweisen das erweiterte Verständnis von Theatralität und die geisteswissenschaftliche Aufmerksamkeit für ‚cultural performances’ auf die Durchwobenheit und dezidierte Schnittmenge von sozialen und ästhetischen Aspekten und Dimensionen. Damit wird auch deutlich hervorgehoben, was längst bekannt und doch in der Konturierung von (Arbeits-)Feldern, Disziplinen und Projekten vernachlässigt wird: Dass das Theater (respektive die Theaterpädagogik) in die Gesellschaft eingebettet ist und so einerseits gesellschaftlich beeinflusst wird, andererseits aber (intendiert oder nicht) performativ wirkend Gesellschaft mitgestaltet.

Die Arbeitshaltung spiegelt, mit welcher Verantwortung welche Pfade des Diskurses und der Praxis entwickelt und begangen werden bzw. welche Art und Weise der Reflexion sie begleitet. Gibt es derzeit (noch oder wieder) ein Paradigma der Theaterpädagogik?

Zu einem solchermaßen von uns hoffnungsvoll angeregten Professionsdiskurs gehört das Nachdenken über die eigenen Aufmerksamkeitsrichtungen, die eigene Rolle und die eigenen Einstellungen, die wirkmächtig in der Projektpraxis – abgeleitet davon aber auch gesellschaftlich wahrnehmbar  - werden.

Wir suchen vor dem Hintergrund dieser Überlegungen Beiträge, die (innovative) Positionen vorschlagen, Thesen aufstellen und Fragen aufwerfen, die den theaterpädagogischen Diskurs anregen.

Wir suchen vor dem Hintergrund dieser Überlegungen Beiträge, die (innovative) Positionen vorschlagen, Thesen aufstellen und Fragen aufwerfen, die den theaterpädagogischen Diskurs anregen.

Dass dabei eine dezidierte gesellschaftliche Herausforderung von den Autor*innen selbst akzentuiert werden soll, ist die konzeptuelle Idee des Heftes und geht mit der Logik einher, dass die Vielzahl möglicher Herausforderungen nicht umfassend abgebildet werden kann, sich verschieden Akzentuierungen aber ergänzen und verallgemeinern lassen (Seismograf).

Grundlegend sind der Diskurs und die Praxis der Theaterpädagogik derzeit betroffen und herausgefordert von der Corona-Krise. Sie markiert den übergeordneten Rahmen, den Hintergrund der wohl umfänglichsten gesellschaftlichen Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg (A. Merkel). Der Virus hat die Welt verändert und doch läuft das System weiter – zumindest in vielen Bereichen - und auch die Theaterpädagog*innen sind bei allem erkennbaren Rollenverlust dabei, Rollen (wieder)zu finden. Neben den Fragen der Existenz stellen sich auch hier insbesondere Haltungsfragen in Relation zum öffentlichen Diskurs und zu den Maßnahmen der Lockerungen. Wie begegnen wir einander auf den sozialen Bühnen der theaterpädagogischen Praxis und des Diskurses (wieder)? Was sind die Erwartungshaltungen? Welche Art von Arbeit denken wir vor oder setzen wir bereits um, warum und wie?

Ein Heft wie das geplante kann und soll vor allem auch dem Innehalten und Nachdenken über die oben skizzierten Aspekte dienen - hier nicht (nur) als Lobbyarbeit, sondern zuvorderst als Selbstbefragung.

Wir freuen uns auf anregende und die theaterpädagogische Debatte bereichernde Beiträge. Redaktionsschluss ist der 15. Juli 2020.
Lassen Sie uns zwecks Koordinierung gern vorab eine Kurzinformation zukommen, wenn Sie einen Beitrag einreichen möchten.
Vielen Dank!
Mit herzlichen Grüßen
Prof. Dr. Norma Köhler, E-Mail: norma [dot] koehler [at] fh-dortmund [dot] de
Ute Handwerg, E-Mail: handwerg [at] bag-online [dot] de